Keith Baverstock, Universität Kuopio, Finnnland

«IAEA und WHO haben total versagt.»

Baverstock leitete von 1991 bis 2003 das Europa-Büro des Strahlenschutzprogrammes der WHO. Danach arbeitete er für das britische Komitee für die Behandlung von radioaktiven Abfällen. Wegen seiner Kritik an unwissenschaftlichem Vorgehen und mangelnder Transparenz wurde er nach zwei Jahren entlassen. Heute beschäftigt er sich mit der Selbststeuerung der Zellen und den Folgen von Niedrigstrahlung auf das Leben in den Zellen.

  «Die Internationale Atomenergieagentur IAEA und die Weltgesundheitsorganisationen WHO haben einige vornehme und sehr wichtige Aufgaben. Man könnte sie die psychologische und soziale Antwort auf Fragen aus der Bevölkerung, etwa die berechtigte Sorgen um die Umwelt oder um die Gefahren der radioaktiven Strahlung interpretieren. Doch was haben diese beiden Organisationen nach dem Super-Gau in Fukushima getan? Nichts. Sie haben total versagt. Bei der IAEA hiess es am dritten Tag nach dem Erdbeben, als die Bevölkerung im Umkreis von 20 Kilometer der Atommeiler bereits evakuiert war, man plane eine Untersuchung und recherchiere weitere Informationen. Später wurde die Evakuierung erwähnt, von einem radioaktiven Fallout fand sich aber kein Wort in den Verlautbarungen. Bei der WHO hiess es zum selben Zeitpunkt, es könnte Probleme mit Atomreaktoren geben. Dabei musste jedem Fachmann spätestens am zweiten Tag längst klar sein, dass es zu einer Katastrophe gekommen war. Später ging es bei den IAEA-Informationen vor allem um technische Aspekte, aber es gab keinerlei Bemühungen, um die Menschen, die nichts von Atomenergie verstehen, ins Bild zu setzen, sei es, um sie zu beruhigen, oder, um sie zu warnen. Die IAEA tut bis heute so, wie wenn sie diese Aspekte, die uns alle betreffen, nichts anginge. Stattdessen spricht sie zwar von Sicherheits-Standards, unterlässt es aber, die schweren Fehler, wie sie in Japan nach der Katastrophe gemacht wurden, unter anderem, um die Wasserstoff-Explosionen zu verhindern, auch nur zu benennen.  Die WHO veröffentlichte erst eineinhalb Jahre nach der Katastrophe eine erste Schätzung zur freigesetzten Strahlung, und es kam zu einer ersten Abschätzung der gesundheitlichen Risiken, die damit verbunden waren. Doch die WHO enthielt sich jedes Kommentars zu der von der japanischen Regierung verordneten Schwelle von 20 Millisievert für eine Evakuation, was weit über den Empfehlungen der WHO und von anderen Organisationen liegt. Keinen Kommentar gab es auch zur Behauptung aus Japan, Dosen unterhalb von 100 Millisievert, dem Hundertfachen der zulässigen Jahresdosis, bärgen keine Krebsgefahr, und dies, obwohl auch die japanischen Behörden davon ausgehen, dass es grundsätzlich keine unschädliche Strahlung gibt. Dieses Totalversagen habe ich in den ganzen vierzig Jahren, die ich für die WHO tätig war, nie erlebt. Dabei hatte es noch in den 1990er-Jahren Projekte gegeben, eine Notfallplanung in die Wege zu leiten, um im Katastrophenfall adäquat reagieren zu können. In Finnland, wo ich lebe, haben die Behörden vorgemacht, was es heisst, die Öffentlichkeit nach einer atomaren Katastrophe zu informieren. Dort war schon früh zu erfahren, dass es fast sicher zu einer Kernschmelze gekommen sei, dass der Wind, der zuerst aufs Meer geweht habe, drehte und Gebiete bis 60 Kilometer nördlich des Reaktors kontaminiert seien. Selbst in Japan schwiegen sich die Behörden dazu aus, die Menschen in den betroffenen Gebieten wurden viel zu spät evakuiert. Die WHO hatte derweil ihre Notfallpläne nie weiterverfolgt und einfach schubladisiert. Die Konsequenz: Die WHO, aber auch die IAEA überlassen dieses Feld kritiklos der Nuklear-Industrie, selbst wenn es zum Super-Gau kommt. Und die Wissenschaft macht diese Propaganda auch noch mit. Das ist das Schlüsselproblem. Wir brauchen deshalb als Wichtigstes eine von allen Interessensgruppen unabhängige Wissenschaft.»

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